Welcher Name fällt einem im Zusammenhang mit Jahrmarkt und Schaustellerei unmittelbar ein? Richtig: Franz Kafka:-) Seine Erzählung "Ein Hungerkünstler" geht auf ein Phänomen des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein: sogenannte Hungerkünstler, "künstliche Freaks", die mit öffentlich inszeniertem Nahrungsverzicht das Publikum erschauern ließen - bis in die 1950er Jahre hinein. Leider standen sie schnell (und oft zu Recht) im Ruf des Betrugs und der Scharlatanerie. Der Historiker und Stadtforscher Peter Payer liefert in seinem gut recherchierten Buch "Hungerkünstler: Eine verschwundene Attraktion" einen detaillierten Bericht über diese außergewöhnliche Schaustellung. Zu Kafka schreibt er im Anhang: "Ob Kafka selbst Vorstellungen vom Hungerkünstlern besucht, ist nicht bekannt. Er interessierte sich jedenfalls generell für die Kunst der Schausteller und kannte zumindest die berühmtesten Hungerkünstler seiner Zeit.... Von medizinisch- psychologischer Seite wird darauf hingewiesen, daß Kafka in der Erzählung seine eigenen Magersuchtprobleme, unter denen er nachweisbar litt, literarisch verarbeitete." In dem Standardwerk zu Schaustellerei "Zwischen Schaubuden und Karussells" von 1952 geht Alfred Lehmann ausfühlich auf das "Magenknurren als Attraktion" ein. Der Zauber dieser Attraktion ließ bei vielen Menschen spürbar nach, als sie in den Notzeiten unfreiwillig selber zu wahren Hungerkünstlern wurden. Nachtrag: was les ich gestern im neuen Spiegel? (10.04.2006) "Von Millionären und Sinnsuchern am Moskauer Stadtrand": Der Hungerkünstler Karim Diab sitzt in einem Baucontainer mit Panoramascheiben und hat vor, insgesamt 48 Tage zu fasten. Die Kameras des Landes sind aucf ihn gerichtet, doch auch hier ist die Begeisterung des Publikums gedämpft: "Zum Hungern brauche ich keinen Container - zum Hungern reichen meine Rente und die Moskauer Mieten"