Schaustellermuseum literarisch

Gedanken aus dem Essener Markt- und Schaustellermuseum, aufgeschrieben von Brigitte, einem großen Fan dieser einmaligen Sammlung.

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Standort: Düsseldorf/Essen, Nordrheinwestfalen, Germany

Ich bin Bibliothekarin - deshalb drehen sich meine Gedanken aus dem Markt- und Schaustellermuseum Essen hauptsächlich um Literatur - aber nicht nur... Ich arbeite ehrenamtlich ein paar Stunden pro Woche in dieser einzigartigen Sammmlung.

11.5.06

Chandail, der Knoblauchpullover vom Markt


Das Büchlein "Petites histoires des mots" erklärt, woher das franzöische Wort für dicke Wollpullover - Chandail - stammt: in dicke Wollpullover gekleidete Händler der Pariser Markthallen, die zur Winterzeit durch eisige Straßen wanderten und ihre Ware (frischen Knoblauch) mit den Rufen feilboten: Marchand d'ail! Chand d'ail! Chandail! inspirierten ihre Mitbürger dazu, das warme Kleidungsstück Chandail zu nennen! Ob das wohl stimmt? Heißen unsere Pullover etwa Aale-Dieter oder Lecker-lecker-Bananen??

25.4.06

Elfriede Jelinek und der Wurstelprater

Ein ungelesenes Buch zu empfehlen ist nichts Außergewönliches. Immerhin habe ich mal kurze Auszüge davon im Radio gehört - und das war eine fesselnde Beschreibung der etwas sinistren Atmosphäre des heutigen Wiener Praters. Eine erzählerisches Kleinod inmitten der eher morbiden und Erzählung. Ich hab heute in der Buchhandlung mal wieder reingelesen, konnte mich aber nicht entschließen, wegen der Prater-"Stellen" das eher verstörende und abschreckende Werk zu kaufen. Wovon rede ich: Elfriede Jelinek (Nobelpreisträgerin!): Die Klavierspielerin. Vielleicht leihe ich mir das Buch mal aus und ergänze hier ein paar Zitate...

und jetzt ist es soweit - ich hab das Buch in der Stadtbücherei ausgeliehen - Elfriede Jelinek beschreibt Fahrgeschäfte:

"Im Wiener Wurstener Wurstelprater unterhält sich das kleine, in den Praterauen das geile Volk, jedes auf seine Weise. Im Wurstelprater pflanzen bis an den Rand mit Schweinsbraten, Knödeln, Bier oder Wein vollgefüllte Eltern ihre ebenso aufgefüllte Brut in die Töpfe oder auf die bunt lackierten (Plastik-)Pferdchen, Elefanten, Autos, bösen Drachen hinein oder hinauf, und das in Drehung versetzte Kind speit das ihm vorher mühsam Eingeschaufelte wieder heraus. Es bekommt dafü eine Ohrfeige, weil das Essen im Gasthaus etwas gekostet hat und man es sich nicht jeden Tag gönnt. Die Eltern behalten ihre Mahlzeit bei sich, denn ihre Magen sind kräftig und ihre Hände schnell wie der Blitz, wenn sie auf den Nachwuchs niederfahren. So wird der Nachwuchs beschleunigt. Nur wenn die Eltern allzu viel getrunken haben, kann es geschehen, daß sie eine rasende Fahrt mit der Hochschaubahn nicht vertragen. Zur Erprobung von Mut und Einsatzfreude findet die neueste Generation auch elektronisch gesteuerte Lustgeräte der vorletzten Chip-Generation vor. Diese Geräte tragen Namen aus der Raumfahrt, erheben sich stufenlos und sausend in die Luft und eiern dort beliebig, doch minuziös gesteuert, herum, wobei das Unten und das Oben vertauscht sein können. Nur mit Mut steigt man hier ein, es ist eigentlich für Halbwüchsige gedacht, die sich in der Welt schon abgehärtet haben, aber noch keine Verantwortung tragen, auch für ihre Körper nicht. Sie vertragen es, wenn Unten einmal Oben ist und umgekehrt. Die Weltraumfähre ist ein Lift, der aus zwei riesigen Metallhülsen besteht, welche die Leute enthalten. Auf dem Erdboden werden inzwischen für die Verlobte Plastikpuppen erschossen, die sie mit nach Hause nehmen darf. Noch nach Jahren sieht die inzwischen enttäuschte Frau dann, wieviel sie ihrem Freund früher einmal wert gewesen ist!"

19.4.06

Tritt ein und lass alle Hoffnung fahren

Buchändlerinnen mit guter Beobachtungsgabe und Witz wie die vom "Buchhändleralltag und Kundenwahnsinn"-Blog sind keine Mangelware, kommen doch täglich genügend dumme Kunden rein, die Stoff für so manche Anekdote bieten. Wer öfter mal in Buchhandlungen nach Literatur zu Markt und Jahrmarkt fragt, wird normalerweise in die Spinner-Kategorie Zirkus-Romantiker eingeordnet und mit André Heller und Zirkus Roncalli konfrontiert, da nützt keine Widerrede - man sollte tunlichst Dankbarkeit zeigen. Bei Sautter & Lackmann in Hamburg verstand man bei "Fairground", worum es geht - hört sich ja auch besser an. In der ebenfalls hervorragenden Buchhandlung König in Köln stehen Reste der ehemals gut gepflegten Jahrmarkt-Kunst bei der gut versteckten Rubrik "Zirkus/Zigeuner" - da freut sich der Schausteller.
Dass mich auch Bücher zur Kinofrühzeit, zu Guckkästen, Laterna Magicas, Wandertheatern etc. erfreuen könnten - vergiss es.
Allerdings muß ich mal eine Lanze für die
Antiquare brechen - da gibt es Leute, die wahre Wunderdinge wie alte Marktordnungen, seltene Bilderbücher, Kalender und Reiseberichte zu Tage fördern. Ich denke da speziell an Heike Brinkhus in Bremen...
Und sonst: Hilf Dir selbst! Amazon.com hat mir schon fast aus sich heraus prima Literatur zu Freaks und Sideshows empfohlen. Das
Verzeichnis Lieferbarer Bücher bietet mehr als Großhändlerware - wer sucht, der findet auch was über die Muswiese! Und die Verschlagwortung ist gut. Und dann natürlich die Fundgrube aller Fundgruben: Das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher . Ebay empfehle ich nicht - das nervt.
Die Schwellenangst, eine wissenschaftliche Bibliothek zu betreten, besteht für den Normalbürger weiterhin zu Recht. Aber nur hier gibt es kostenlosen Zugang zu den richtig guten Aufsatz- und Volltextdatenbanken! Nur hier kann man sich auf dem freien Markt unerschwinglichen Originale ansehen - und manchmal sogar ausleihen. Eine blitzschnelle Abfrage der großen Bibliotheken bietet der unentbehrliche
KVK. Viel Erfolg!

Hamburg für Weicheier


Zurück von einem schönen Wochenende in Hamburg, natürlich verbunden mit einem ausgiebigen Bummel über den Dom. Im Gepäck hatte ich den antiquarisch erworbenen Marco-Polo-Reiseführer Hamburg ("Reisen mit Insider-Tips"), 7. Aufl. von 1998. Ein Blick in die interessante Rubrik "Warnung - Bloß nicht" ließ mich aber sehr an der Qualität des Standard-Reiseführers zweifeln. Unter der Überschrift "Wie in jeder Großstadt gibt es auch in Hamburg Nepp, Bauernfang und Dinge, die man nicht tut oder nicht tun sollte" werden folgende Abscheulichkeiten aufgezählt: Aalsuppe - Autostrich St. Georg - Drogen - Hauptbahnof (Ausgang Kirchenallee) - und jetzt kommt's: "Dom: Sommers wie winters das gleiche Bild: ein gigantischer Rummelplatz, auf dem einzig und allein nach der Geldbörse des Besuchers gezielt wird. Mit Volksfest hat dies nichts mehr zu tun. Die technischen Sensationen der Schausteller machen einen immer lebensgefährlicheren Eindruck: wem beim Doppellooping in der Achterbahn schlecht wird, der hat selber schuld".
Ok - in dem neuen Marco-Polo, jetzt mit Tipps mit zwei "p", ist der Dom aus den
Vorstufen zur Verdammnis gestrichen. Unter den "Top-Highlights" ist der Ohlsdorfer Friedhof.

Ganz anders
Tim Mälzer: Im neuen "Geo special Hamburg" legt der kernige Koch ein Bekenntnis zum Volksvergnügen ab: "Ein idealer Tag für mich ist ein Tag unter Menschen. Ob Hafengeburtstag, Eppendorfer Schlemmermeile, Altonale oder Alstervergnügen: ich liebe Volksfeste. Besonders den Dom, Hamburgs riesigen Rummel... Laute Musik, grelle Lichter, lachende Kinder: Ich mag es, wenn Leute gut drauf sind".

14.4.06

Weltschmerz und ein Karussell aus Wuppertal



Erinnerungen eines Rostocker Jungen aus den 1930er Jahren: Unheil bahnt sich an, unbewusst registriert er die ersten Anzeichen. Auch den Jahrmarkt der damaligen Zeit betrachtet der Leser aus heutiger Sicht mit Schmerz und Wehmut - er gehört ebenfalls zu einer versunkenen Welt. Walter Kempowski hat in seinem Buch "Weltschmerz - Kinderszenen fast zu ernst" eine liebevolle Miniatur der Kirmes gezeichnet: "Eine blau-weiß gestreifte Plane war hinten um das Karussell gespannt, der Wind blähte die Plane und bauchte sie ein und ließ die Körper der Menschen sichtbar werden... Über dem Jahrmarkt stand das Wiener Rad, unbeweglich in der blauen Luft. Bratwurst und gebrannte Mandeln... Schräg zum Karussell war der braune Wohnwagen der Rummelleute abgestellt: Geranien vor den Fenstern und ein blauer Trecker. Ein Briefträger kam und brachte die Post. Aus Wuppertal kamen die Leute, das stand auf dem Wagen"
Es lohnt sich,
mehr von Kempowski zu lesen. Ein stiller Mann mit ungewöhnlicher Lebensgeschichte - und einer der größten Sammler vor dem Herrn!

11.4.06

Boh glaubse - Essen ist Kulturhauptstadt


Die heutige Entscheidung für Essen als Kulturhauptstadt 2010 freut uns als Essener Markt- und Schaustellermuseum natürlich sehr. Wenn jetzt jedem Unsinn Tür und Tor geöffent wird (Moderne Kunst untertage), hat unser Projekt (auf Schienen durchs Museum) hoffentlich auch eine Chance!
Und hoffentlich hat auch
Herbert Knebel, der von Uwe Lyko genial verkörperte Ruhri auf Kollisionskurs - aber mit goldenem Herzen - was von dem kulturellen Segen. Er und seinesgleichen malochten schließlich bis Ende der 1980er Jahre auf Zeche Zollverein, ("Welt.Kultur.Erbe."), dem zukünftigen Kulturtempel.

Unvergleichlich sein Eindruck vom schnellen Fahrgeschäft in dem Buch
"Boh glaubse...":
"Meine Fresse nee, wurdse da in sonne Kapsel reingezwängt, gegen einen Schips, und dann dreht sich dat Dingen auf einma wie eine Krupps-Drei-Mix auf allerhöchste Stufe, aber so, dat du meinz, die Innereien spielen die Reise nach Jerusalem, nach dem Mott: einer muß raus!"

Verdienter Trost von "die Enkeln" Marzel und Jackeline: "Son Herz mit sonne ganz anrührende Gravitation drin: Für Opa!"

10.4.06

Hitler und der Wiener Prater



Was hielt Hitler von der Schaustellerei? Schwer zu sagen - und in einem Blog kaum abzuhandeln.
In ihrem Buch "Hitlers Wien: Lehrjahre eines Diktators" geht Brigitte Hamann auf Hitlers persönliches Verhältnis zum Volksvergnügen ein. Der Wiener Prater ist in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg der Treffpunkt der kleinen Leute: Dienstboten, Soldaten, Arbeiter, Handwerker aus allen Regionen des alten österreichischen Vielvölkerstaates.
Zitiert wird Hitlers Jugendfreund August Kubizek: "Er begriff die Leute nicht, die ihre kostbare Zeit mit solch läppischen Zeug vertrödelten. Wenn vor einer Schaubude mit irgendeiner Attraktion das Volk in brüllendes Lachen ausbrach, schüttelte er nur emport den Kopf über so viel Dummheit und fragte mich zornig, ob ich begreifen könne, warum diese Menschen lachen." Und: "Außerdem widerte ihn das bunte Gemisch von Wienern, Tschechen, Madjaren, Slowaken, Rumänen, Kraoaten, Italienern und weiß Gott was noch, das sich durch den Prater drängte, auf das heftigste ab." "So sehr er mit den kleinen Leuten fühlte, konnte er sich dies nicht weit genug vom Leibe halten"

Andere Zeugen bestätigen die vielzitierte Legende, daß die prächtige und präzise Orgel der Grottenbahn die armen Musikliebhaber Wiens mit Opernmusik vertraut machte und Musikstudenten sich nach ihren Klängen im Partiturenlesen übten
Den Klang der erstklassigen Orgel konnte man in allen 18 Themenräumen der Grottenbahn hören. Die Räume waren phantastisch ausgeschmückt, z.b. mit Sujets aus der Oper "Freischütz" und "Parsifal".

Nachdem er eine Szene aus Tannhäuser gehört hatte, "habe Hitler danach seinen Kollegen auf dem Heimweg die Handlung erklärt und einige Passagen vorgesungen" "Hitler habe gemeint, Mozart passe besser in alte sentimentale Zeiten und habe sich überlebt. Wagner sei dagegen ein Kämpfer gewesen - und außerdem beschäftige das größere Orchester mehr Leute." Die Praterattraktion mußte Hitler als schwacher Ersatz für vermißte Opernbesuche dienen"
(
Reinhold Hanisch: I was Hitler's Buddy)

Ein anderer Zeitgenosse (Josef Greiner, 1947): "Zur Wagner-Musik fühlte er sich ungemein hingezogen, und wir weilten oft stundenlang vor der Grottenbahn "Zum Walfisch", die eine der schönsten Orgeln im Prater besaß, auf der die Tannhäuser- und Holländer-Ouverture besonders gut zur Geltung kamen."

Zur Abwechslung _schöne _ Gedanken zum Wurstlprater



9.4.06

Brotlose Kunst: Schauhungern


Welcher Name fällt einem im Zusammenhang mit Jahrmarkt und Schaustellerei unmittelbar ein? Richtig: Franz Kafka:-) Seine Erzählung "Ein Hungerkünstler" geht auf ein Phänomen des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein: sogenannte Hungerkünstler, "künstliche Freaks", die mit öffentlich inszeniertem Nahrungsverzicht das Publikum erschauern ließen - bis in die 1950er Jahre hinein. Leider standen sie schnell (und oft zu Recht) im Ruf des Betrugs und der Scharlatanerie. Der Historiker und Stadtforscher Peter Payer liefert in seinem gut recherchierten Buch "Hungerkünstler: Eine verschwundene Attraktion" einen detaillierten Bericht über diese außergewöhnliche Schaustellung. Zu Kafka schreibt er im Anhang: "Ob Kafka selbst Vorstellungen vom Hungerkünstlern besucht, ist nicht bekannt. Er interessierte sich jedenfalls generell für die Kunst der Schausteller und kannte zumindest die berühmtesten Hungerkünstler seiner Zeit.... Von medizinisch- psychologischer Seite wird darauf hingewiesen, daß Kafka in der Erzählung seine eigenen Magersuchtprobleme, unter denen er nachweisbar litt, literarisch verarbeitete." In dem Standardwerk zu Schaustellerei "Zwischen Schaubuden und Karussells" von 1952 geht Alfred Lehmann ausfühlich auf das "Magenknurren als Attraktion" ein. Der Zauber dieser Attraktion ließ bei vielen Menschen spürbar nach, als sie in den Notzeiten unfreiwillig selber zu wahren Hungerkünstlern wurden.

Nachtrag: was les ich gestern im neuen Spiegel? (10.04.2006) "Von Millionären und Sinnsuchern am Moskauer Stadtrand": Der Hungerkünstler Karim Diab sitzt in einem Baucontainer mit Panoramascheiben und hat vor, insgesamt 48 Tage zu fasten. Die Kameras des Landes sind aucf ihn gerichtet, doch auch hier ist die Begeisterung des Publikums gedämpft: "Zum Hungern brauche ich keinen Container - zum Hungern reichen meine Rente und die Moskauer Mieten"